Ein Schuss ins Knie

Was in der Reisebranche gerade abgeht, spottet jeder Beschreibung.
©privat

Es war einmal. Und es war einmal schön. Alles lief wie geschmiert. Und jedes Jahr vermeldeten wir Tourismus-Rekorde: im Inlandstourismus. In den Städten. Beim Outgoing. Da entstanden Hypes, von denen wir bis dato noch nie geträumt hatten. Die Airports wurden ausgebaut. Mega-Terminals entstanden. Die Kreuzschifffahrts-Branche boomte. Gewaltige, gigantische schwimmende Hotels wurden gebaut. Die Investoren bekamen Dollar-Zeichen in den Augen, wenn es darum ging, noch größer, noch länger, noch schneller zu bauen. Vom Eislaufplatz bis zur 30-Meter-Rutsche. Vom Shopping-Center bis zum 15-Restaurants-Angebot. 

Alles ging. Alles lief. Alles war möglich. Und dann brach die vermaledeite Pandemie über uns herein. Im Grunde genommen nichts anderes als eine – womöglich mit tödlichem Ausgang endende – weltweit grassierende Erkrankung. 

An alle anderen einschlägigen Ereignisse, die lebensbedrohlich sind, haben wir uns gewöhnt. Keiner regt sich mehr darüber auf, dass Abertausende bei Auto-Unfällen umkommen. Wenn einer an Krebs stirbt (nein, das ist nicht einer, das sind Millionen), dann wird das als „schicksalshafte Fügung“ hingenommen. Oder nehmen Sie die Grippetoten. Ein verschwindend kleiner Anteil der Bevölkerung lässt sich impfen. Und dann war nicht sicher, ob das Jaukerl gerade gegen jenen Stamm wirkt, den man sich unglücklicherweise eingefangen hat. 

Mir war von Anfang an klar, dass das Ganze (ich habe das seinerzeit geschrieben und lag damit goldrichtig) in etwa zwei bis drei Jahre dauern wird, bis wir uns – so komisch das klingen mag – mit diesem Unbill abgefunden haben. Um nicht zu sagen angefreundet haben. Akzeptieren, dass da eine Infektion um die Welt kreist, verbunden mit unheimlich wenig Wissen darüber, mit kargen Erfahrungswerten und einer Todesart, die besonders furchteinflößend ist (wer stirbt schon gerne den Ertrinkungs-/Erstickungstod).

Dann kam die Impfung. Ja, ich bin noch immer dafür, dass man sich impfen lässt. Ich gehe selbst mit gutem Beispiel voran. Weil es erwiesen ist, dass jene, die geimpft sind, statistisch gesehen ein deutlich geringeres Risiko haben, im Spital oder auf der Intensivstation zu landen.

Und dann – zu Jahresbeginn – ein Krieg in Europa. Allgemeines Entsetzen. Folgewirkungen weltweit. Ein amerikanisches Ehepaar, das ich in der Wiener Innenstadt traf, erklärte mir das, was viele bei uns in Europa nicht verstehen: Sie hätten sich die Landkarte angeschaut. Und festgestellt, dass der Krieg „unheimlich nahe“ zu Österreich stattfindet. Unheimlich nahe für einen Amerikaner, für den ein paar hundert Meilen ein Klacks sind. Einen Trip mit dieser Länge machen die an einem Wochenende. Die Amerikaner zusammenfassend: „Wir haben uns echt überwinden müssen, hierher zu kommen.“

Doch all dies haben wir irgendwie in den Griff bekommen. An Corona haben wir uns gewöhnt. Die akuten Mutationen lösen weniger Hospitalisierungen aus. Die Masken sind weitgehend abgeschafft. Und keiner denkt darüber nach, dass wir dieser Tage (bei weit weniger Tests als zu Zeiten der Lockdowns) substanziell mehr Infektionen verzeichnen als noch vor Jahr und Tag. 

Und heute? Anstatt sich darüber zu freuen, dass jetzt genau das passiert, was ich in FaktuM vor zwei Jahren prophezeit habe, nämlich dass die Menschen jetzt aufholen wollen, versäumte Reisen nachholen wollen, leisten wir uns den größten Wahnwitz aller Zeiten: Spätestens seit März dürfte bekannt sein, dass mit einem gewaltigen Sommerurlaubs-Boom zu rechnen ist, der – von allen Tourismus-Experten prophezeit – deutlich höher ausfallen wird, was Städtereisen und Fernreisen betrifft, als dies noch vor der Pandemie gang und gäbe war. Die Menschen wollen wieder raus. Die Menschen wollen das Versäumte aufholen. Und was tut die Branche? Sie hat die Sache komplett verpfuscht.

Horrorszenen auf den Airports. Mangelndes Personal. Schlecht ausgebildete Mitarbeiter. Fünfstündige Wartezeiten beim Security-Check-in. Hunderte abgesagte Flüge. Schlechter kann eine Branche keine Werbung für sich selbst machen. Auf Stern TV sah ich jüngst einen atemraubenden Beitrag, in dem der Geschäftsführer des deutschen Flughafenverbandes ADV von den Talk-Gästen niedergemacht wurde. Er und die grüne Tourismusbeauftrage Deutschlands flüchteten sich in Floskeln wie „so schlimm ist es nicht“, „auf dem Flughafen in Frankfurt gibt es kein Problem“, „wir machen das eigentlich alles ganz gut“, „wir kriegen schon wieder Personal“, „das Problem nähert sich einer Lösung“. 

Bis das ernüchternde Statement folgte: Eine der Proponentinnen in der Talk-Runde äußerte, dass es bis zum Sommer 2023 (!!!) dauern wird, bis diese Malaise halbwegs unter Kontrolle ist. Nachdem die Airports  brutal abgebaut hatten, im Februar nicht schnell reagierten darauf, dass der Bedarf garantiert ansteigen würde, sitzt man jetzt mit gewaschenem Hals da. In diversen Flughäfen dieser Welt. 

In Wien läuft‘s rund. Davon konnte ich mich selbst überzeugen. Vom Flughafen Amsterdam Schiphol hat uns Emirates-Österreich-Geschäftsführer Martin Gross Fotos geschickt, die ein unvorstellbares Szenario dokumentieren: Dort ist die Schlange so lang, dass man aus dem Flughafen ins Freie hinausmuss und danach wie in einem Rundkurs wieder zurück, bevor man überhaupt erst zum Security-Check gelangt. 

Welch besondere „Koffer“ in unserer Branche tätig sind, bewies der ADV-Geschäftsführer mit einem Nebensatz in der Stern-TV-Sendung. „Soll man jetzt den Leuten raten, nur mehr im Inland Urlaub zu machen?“ wurde er gefragt. Seine Antwort war ernüchternd: „Um Gottes Willen, tun Sie das nicht!“ So redet einer, von dem du weißt, dass er das Hirn nicht einschaltet, bevor er spricht. Denn schlechtere Werbung für den deutschen Inlandstourismus kann man nicht machen. 

Die Antwort auf diese No-Na-Frage hätte ganz anders lauten müssen. Nämlich: „Planen Sie Ihre internationale Reise gut. Stellen Sie sich bitte auf längere Wartezeiten ein. Versuchen Sie, in der Hauptsaison gewisse Flughäfen, wo es Personal-Knappheit gibt oder die administrativ nicht gut aufgestellt sind, zu meiden. Und natürlich: Ein Urlaub bei uns zu Hause ist wunderschön und wunderbar. Machen Sie ihn, wenn Sie nicht unbedingt in die Karibik fliegen müssen und wenn Sie auf Ihren Klima-Fußabdruck stolz sein möchten. Das wird auch für unseren Planeten gut sein.“ Diese Antwort hätte ich mir von einem Manager in dieser Position erwartet. 

Wenn es eines Beweises bedürfen würde, welche Nullen an gewissen Spots in unserer Reisebranche dilettieren, dann hat dieser Auftritt des ADV-Geschäftsführers beredtes Zeugnis von der mangelhaften Qualität der handelnden Personen gegeben. Weg mit solchen Typen. Ein Tritt in den Hintern ist das Mindeste, das man all jenen wünscht, die aufgrund ihrer Unfähigkeit, ihrer mangelnden Voraussicht und ihrer fehlenden Planung unsere Reisebranche in den Abgrund fahren. 

Fazit: Nach den Problemen, die von außen zu uns gekommen sind und die weitgehend gemeistert scheinen, haben wir uns nun das größte Problem eingefangen. Und – es ist ein selbstgestricktes. Ich packe es einfach nicht.  

Meint 

Ihr 

Christian W. Mucha

Herausgeber

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