Italien streitet um seine Strände: Zwist um Neuregelung der Lizenzen

Staatliche Strandkonzessionen müssen künftig öffentlich ausgeschrieben werden
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Vielen familiengeführten Badeanstalten droht das Aus

Während sich Italien auf vorgezogene Parlamentswahlen vorbereitet, wird im Parlament in Rom heftig über die Badestrände gestritten. Diese Woche stimmen die Abgeordneten über eine Neuregelung im Bereich der Lizenzvergabe ab. Ab dem 31. Dezember 2023 müssen staatliche Strandkonzessionen öffentlich ausgeschrieben werden – was nach Ansicht von Branchenvertretern das Ende der vielen von Familien geführten Strandbars und -restaurants bedeuten könnte.

An Tausenden Bezahlstränden soll es mehr Konkurrenz geben, lautet das Vorhaben der Regierung. Die öffentliche Ausschreibung der Strandkonzessionen könnte zur Folge haben, dass ein Lido-Betreiber seinen Platz für einen anderen Mitbieter räumen muss. Davon könnten möglicherweise große ausländische Tour-Operatoren oder liquiditätsstarke Finanzinvestoren profitieren, so die Sorge.

An Italiens Stränden gibt es Tausende privat geführte Badeanlagen. Die kostenpflichtigen „Stabilimenti“ sind der Inbegriff der italienischen Strandkultur: Hier verbringen die meisten Italiener schon als Kinder den Sommerurlaub. Die Vergabe der Strandlizenzen ist jedoch undurchsichtig, die Konzessionen werden automatisch verlängert. Das will die EU aufgrund der Bolkenstein-Wettbewerbsregel nun ändern und Italien muss sich anpassen.

Pächter der „Stabilimenti“, wie in Italien die Badeanlagen am Meer genannt werden, in denen zahlenden Gästen Liegestühle und Sonnenschirme zur Verfügung gestellt werden, befürchten den Verlust ihrer Rechte. 29.000 Badeanstalten, die saisonal bis zu 300.000 Personen beschäftigen, gibt es in Italien, sie werden meist auf Familienebene geführt. Vielen droht jetzt das Aus. Die Regierung will sich künftig um transparente öffentliche Ausschreibungen bemühen, wie sie bisher nicht stattgefunden haben. Vielmehr dürften Korruption und Vetternwirtschaft bei der Vergabe in vielen Fällen eine Rolle gespielt haben.

Konzessionen, die bereits im Einklang mit den EU-Vorschriften erteilt wurden, bleiben bis zu ihrem Ablaufdatum, also auch über das Jahr 2023 hinaus, gültig. Die anderen müssen neu ausgeschrieben werden, wogegen sich die Betreiber der familiengeführten Badeanlagen, heftig wehren. Den Betreibern, die möglicherweise Darlehen oder Hypotheken auf ihre Unternehmen aufgenommen haben, droht jetzt der Verlust ihrer Lizenz. Diese könnte ihnen sogar ein Jahrzehnt früher entzogen werden. Sie beklagen die Gefahr einer „Enteignung“.

Die Regierung um den inzwischen gestürzten Premier Mario Draghi meint dagegen, dass eine Neuregelung dringend notwendig sei. Immer wieder gelangten Anlagen auch in die Hände der lokalen Mafia. Allein in den vergangenen Jahren wurden in Italien über hundert Stabilimenti wegen Infiltration durch die organisierte Kriminalität beschlagnahmt. Dies soll sich durch transparente Ausschreibungen ändern.

Italienische Strandanlagen müssen künftig allen Badegästen freien Zugang zum Strand gewähren, nicht nur ihren Kunden, geht aus dem Gesetzentwurf hervor, über den die Abgeordneten im Parlament abstimmen müssen. Theoretisch sind Badeanstalten in Italien bereits dazu verpflichtet, doch in der Praxis wird diese Vorschrift häufig missachtet. Verbraucher- und Bürgerinitiativen beschweren sich seit langem darüber, dass die Badeanlagen immer größere Strandabschnitte in Beschlag nehmen.

Mit den neuen Rechtsvorschriften sollen auch die Gebühren für Sonnenschirme und Liegestühle begrenzt werden. Die teils hohen Preise der Stabilimenti sind jeden Sommer aufs Neue ein heißes Thema. Wegen der steigenden Inflation wird mit einem weiteren Anstieg der Kosten für den Strandurlaub gerechnet. Für Liegen und Schirme müssen Urlauber circa fünf Prozent mehr ausgeben als 2021, schätzen Konsumentenschutzverbände.

Für Monatsabos in den Strandanlagen liegen die Preise zwischen 500 und 700 Euro. Mittlerweile verlangen die Strandbäder für den Eintritt durchschnittlich 15 bis 20 Euro – und für Liegen und Schirme müssen die Kunden oft noch extra bezahlen. Das ist für viele einkommensschwache Italiener einfach zu viel. Im ganzen Land kommt es inzwischen zu Protesten für freie Strände, wo sich Sonnenhungrige kostenlos auf einem Handtuch im Sand ausbreiten und das Meer genießen können. Diese liegen jedoch oft eingequetscht zwischen zwei Badeanstalten und sind meist hoffnungslos überfüllt.

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