Reizthema Skifahren geht quer durch Europa

Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien appellieren für Schließung bis Jänner.
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Der Aufruf aus Deutschland, die Skigebiete über Weihnachten und Neujahr geschlossen zu halten, empört viele in Österreich und der Schweiz. Sie wollen sich das Weihnachtsgeschäft mit den Wintertouristen nicht vermasseln lassen – auch wenn die Infektionszahlen in beiden Ländern zurzeit deutlich höher sind als etwa in Deutschland. Auch Italien und Frankreich sind für eine Öffnung der Skigebiete erst im Jänner.

Italienische Touristen, die einen Winterurlaub in Österreich verbringen, müssen sich nach der Rückkehr in ihre Heimat einer zehntägigen Quarantäne und einem Coronatest unterziehen. Dies plant die italienische Regierung nach Angaben der Vize-Gesundheitsministerin Sandra Zampa. Sie bestätigte die Absicht der Regierung, ein Ski-Verbot über die Weihnachtsfeiertage verhängen zu wollen, obwohl es bisher noch zu keiner europaweiten Einigung über eine Schließung der Skigebiete gekommen ist.

Auch Belgien hat sich unter jene Länder eingereiht, die angesichts der Corona-Pandemie eine europaweite, vorweihnachtliche Schließung der Skigebiete befürworten. „Ich denke, wir alle erinnern uns noch sehr gut daran, dass Skiferien die Ausbreitung des Virus in Europa verursacht haben. Man muss kein Virologe sein, um zu wissen, dass diese Urlaube ein sehr großes Risiko darstellen“, sagte Premier Alexander De Croo am Freitag laut Medienberichten.

Kurz: Österreich wird selbst entscheiden

In Österreich laufen mancherorts die Skikanonen schon auf Hochtouren. In den Skigebieten im Zillertal, St. Johann in Tirol und St. Anton am Arlberg soll die Saison nach derzeitigen Plänen in den nächsten zwei Wochen starten. Die Bundesregierung verbittet sich Einmischung. Das Land entscheide selbst, ob es die Skigebiete öffnet, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und kündigte in der „Kleinen Zeitung“ die Präsentation der Regierungspläne zu diesem Thema an. „Was klar ist: Après-Ski wird es frühestens in einem Jahr wieder geben.“

Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) startete einen Aufruf zur „Verhältnismäßigkeit“: Verhältnismäßig wäre es, schreibt der Ex-Kanzler in der „Süddeutschen Zeitung“, „das Skifahren im Winter mit wirksamen Auflagen zu verbinden. (…) Aber ein totaler Lockdown ganzer Täler und Wirtschaftszweige ist nicht mehr ‚verhältnismäßig‘.“

Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) brachte seinerseits Geldforderungen ins Spiel. „Wenn die EU eine Vorgabe macht, dass die Skigebiete geschlossen bleiben müssen, erwarten wir uns Kompensationszahlungen“, wiederholte er seine frühere Forderung in der deutschen Zeitung „Die Welt“ (Samstag). Blümel beziffert den Entschädigungsaufwand mit 2 Milliarden Euro.

Die Schweizer Touristiker wollen aufsperren. Im Schweizer Kanton Wallis will man sogar französische Skitouristen anlocken: „Wir planen einen Busbetrieb, der Ski-Touristen aus dem französischen Teil der Portes du Soleil abholt“, kündigte der Chef des Schweizer Teils des Skigebiets, Enrique Caballero, im Rundfunk an. Skigebiete, Bergbahnen und Wintersportanbieter zielen mit einer interaktiven Webseite auch auf ausländische Gäste. Interessierte können sehen, welche Skigebiete zum Beispiel die Zahl der Gäste in den Gondeln beschränken, wo zusätzliche Terrassenplätze in den Bergrestaurants geschaffen wurden oder wo Bergfahrten im Voraus online reserviert werden können.

Hoch gelegene Skigebiete in der Schweiz teils schon offen

„Die Schweiz fährt Ski. Aber sicher!“, heißt es in einer Werbekampagne, die sich auch an Gäste aus dem Ausland richtet. Hoch gelegene Skigebiete sind teils schon offen, etwa in St. Moritz, Davos und Zermatt. Der Präsident des Verbandes Seilbahnen Schweiz, Hans Wicki, spürt Druck aus dem Ausland. „Da muss man jetzt Gelassenheit und Coolness an den Tag legen, damit man das gut übersteht“, sagte er im Rundfunk.

Die Menschen in Deutschland sind mehrheitlich für die Schließung der Skigebiete zur Eindämmung der Pandemie. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ sagten 73,8 Prozent, eine Schließung sei „eindeutig“ oder „eher richtig“. 19,5 Prozent der Befragten hielten dies für „eher“ oder „eindeutig falsch“.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel hatte sich in der vergangenen Woche mit Blick auf Winterurlaube für eine Schließung aller Skigebiete in Europa ausgesprochen. Gegner eines weihnachtlichen Skivergnügens sprechen warnend von Ischgl, dem Tiroler Skiort, der im Frühjahr maßgeblich zur Virusverbreitung in Europa beigetragen haben soll.

„Ein zweites Ischgl können wir uns in diesem Winter nicht erlauben, sonst besteht die Gefahr, dass wir europaweit in einer Lockdown-Situation landen, aus der wir nicht mehr hochkommen“, sagte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag). Hans begrüßte zudem die bayerische Regelung, wonach auch Tagestouristen, die zum Skifahren nach Österreich reisen, anschließend zehn Tage in Quarantäne müssen.

Ischgl will jedenfalls öffnen: „Wie gut, dass Sie auf all das nicht mehr lange warten müssen, denn am 17. Dezember 2020 ist es endlich so weit: Der erste Skitag in der Silvretta Arena in Ischgl steht am Programm!“, heißt es auf der Webseite des Skiorts.

Die Schweizer Schneeregion Engadin lockt eine ganz prominente Besucherin: „Frau Merkel, bei uns sind Sie sicher!“ titelte die Boulevardzeitung „Blick“ am Samstag, verbunden mit einer Charme-Offensive aus Pontresina, wo Merkel im Winter seit Jahren regelmäßig Langlauf macht. „Frau Merkel muss keine Angst haben“, sagte Hotelier Thomas Walther. „Unsere Hygienekonzepte haben sich seit dem Sommer bestens bewährt. In Berlin leben Sie vermutlich viel gefährlicher!“ Der Schweizer Gesundheitsminister Alain Berset will sich das Skivergnügen auch nicht nehmen lassen. Er würde gerne auf die Piste gehen, sagte er im Fernsehen. „Aber mit Abstand, Maske und Handhygiene.“

 

APA/Red

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