Streit um Branchen-KV für Luftfahrt

Laut WKÖ gefährden überzogene Forderungen den Airline-Standort Österreich. Die Gewerkschaft vida dementiert.
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„Wir haben mit den individuellen Kollektivvertrags-Lösungen in der Luftfahrt-Branche bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Das zeigt die jüngste erfreuliche Einigung zwischen Ryanair und Laudamotion. Es ist daher unverständlich, warum die Gewerkschaft nun von dieser Linie abgeht“, kritisiert Manfred Handerek, in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) für die Berufsgruppe Luftfahrt zuständig, die aktuellen Androhungen der Gewerkschaft vida. Diese hatte angekündigt, eine zwangsweise Satzung auf AUA-Kollektivvertragsniveau einzureichen. „Das hat keinen sachlichen Hintergrund, sondern möglicherweise mit den Wahlen Ende September zu tun“, kommentiert Handwerk weiter.„Damit verunsichert die Gewerkschaft die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller österreichischen Airlines und versucht, sie gegeneinander aufzuwiegeln.“ Und er warnt: „Die überzogenen Forderungen der Gewerkschaft könnten vielen Flugbegleitern und Piloten ihren Job kosten und gefährden letztlich den Airline-Standort Österreich.“

Branchen-KV unüblich

Zudem müsse man die Kirche im Dorf lassen: „Wir haben in der österreichischen Luftfahrt für rund 8000 Beschäftigte einen Kollektivvertrag. Für jene rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die derzeit noch nicht von einem KV erfasst sind, sind wir in guten Gesprächen“, erklärt Handerek.

Diese 500 Personen sind bei den relativ neu in Wien ansässigen Fluglinien Level und Wizz Air beschäftigt – zwei Fluglinien, die ein Branchen-KV oder eine zwangsweise Satzung auf AUA-Kollektivvertragsniveau möglicherweise überfordern würde, meint der WKÖ-Luftfahrtexperte weiter. Eine mögliche Folge: „Die Eigentümer von in Österreich stationierten Billig-Airlines werden nicht zögern, den Standort in Wien zu schließen und Wien von außerhalb Österreichs zu versorgen“, so Handerek.

(In)akzeptable Arbeitsbedingungen

Die Gewerkschaft hält hingegen an ihrer Forderung nach einem Branchen-KV für das Luftfahrt-Bordpersonal fest: vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit weist die „hanebüchenen Vorwürfe“ der Wirtschaftskammer (WKÖ) zurück: „Die Wirtschaftskammer will einfach nicht verstehen, dass Airlines ohne Kollektivverträge die Lohn- und Sozialstandards in der gesamten Branche immer weiter unter Druck bringen“, argumentiert er. „Was gerade bei der Ryanair-Tochter Lauda passiert ist, hat die Arbeitgebervertretung zugunsten ihrer Klientelpolitik offenbar bewusst ausgeblendet. Dabei ist es offensichtlich, dass die Konkurrenten ohne KV auch den Lohndruck auf jene Beschäftigten in Unternehmen mit KV und akzeptablen Arbeitsbedingungen immer mehr erhöhen.“

Die WKÖ entwickle sich immer mehr zum „Förderer des zunehmenden Kannibalismus unter den Airlines am Standort Wien-Schwechat und somit zum obersten Lohndrücker der Republik“, findet Hebenstreit harte Worte. „Offenbar wollen die Arbeitgebervertreter aus Gründen der Klientelpolitik nicht den Tatsachen ins Auge sehen, dass es im Unterschied zu Österreich in anderen europäischen Ländern gesetzliche Mindestlohnstandards gibt“, sagt der vida-Vorsitzende.

In Österreich habe man dafür eine flächendeckende Versorgung mit Branchen-KVs, wie etwa auch im Speditions- oder Eisenbahnbereich, die wie die Luftfahrt grenzüberschreitend tätig sind. Die Branchen-Kollektivverträge sorgten für Nachhaltigkeit und fairen Wettbewerb am Standort. Es gäbe dafür auch ein Beispiel aus der Luftfahrt: Finnland verfüge in diesem Bereich sehr wohl über einen Branchen-KV, welcher dort dem Wachstum der Branche nicht im Wege stehe, hebt Hebenstreit hervor.

Aufnahme von Sozialpartner-Verhandlungen

Damit der erbitterte Preiskampf der Billig-Airlines auf Kosten der Bordbelegschaften endlich beendet werde, hält die Gewerkschaft an ihrer Forderung nach dem Branchen-KV fest und fordert die WKÖ weiter zur Aufnahme von Sozialpartnerverhandlungen auf. „In einem ersten Schritt hin zu einem Branchen-KV werden wir den AUA-KV bei der zuständigen Behörde im Sozialministerium zur Satzung einreichen, damit auch jene Airlines, die keine firmeninternen Kollektivverträge haben, wie etwa Level oder Wizz Air, dann diesen gesatzten KV anwenden müssen“, konkretisiert Hebenstreit.

PA/OTS/red

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