Europas Bahnen rücken technisch zusammen
Mit ERTMS soll der Bahnverkehr in Europa technisch vereinheitlicht und die Grundlage für einen reibungsloseren grenzüberschreitenden Betrieb geschaffen werden.
Die Europäische Union verfolgt das Ziel, bis zum Jahr 2050 das gesamte Schienennetz mit dem Europäischen Eisenbahnverkehrsleitsystem (ERTMS) auszustatten. Damit sollen Züge künftig ohne technische und administrative Hürden grenzüberschreitend verkehren können. Ein wesentlicher Bestandteil von ERTMS ist das Zugsicherungssystem ETCS, für dessen Einführung Strecken, Lokomotiven und weitere Fahrzeuge entsprechend angepasst werden müssen. Der Rechnungshof (RH) stellte in einem am heutigen Freitag veröffentlichten Bericht fest, dass die Umstellung bei den ÖBB einen deutlichen Digitalisierungsschub auslöst. Gleichzeitig bestehen laut Prüfern noch Herausforderungen bei der Umsetzung.
Unterschiedliche Systeme weiterhin im Einsatz
Während des Prüfzeitraums von 2020 bis 2024 nutzten die ÖBB sowohl bestehende nationale Zugsicherungssysteme als auch ETCS. Nach Angaben des Rechnungshofs konnten bereits modernisierte Anlagen teilweise noch nicht genutzt werden, weil notwendige Genehmigungen des Infrastrukturministeriums ausstanden. Grund dafür waren offene Fragen zu eisenbahnrechtlichen Genehmigungspflichten. Der Rechnungshof empfiehlt, die noch laufenden Verfahren möglichst rasch abzuschließen, um Verzögerungen bei der Inbetriebnahme zu vermeiden.
Ausbau auf wichtigen Bahnstrecken
Österreich ist Teil von vier bedeutenden europäischen Eisenbahnkorridoren, den sogenannten TEN-V-Korridoren. Ende 2024 waren rund 44 Prozent der österreichischen Streckenabschnitte dieser Korridore mit ERTMS ausgestattet. Bezogen auf das gesamte Netz der ÖBB lag der Anteil bei zwölf Prozent. Der Ausbau wird schrittweise fortgesetzt. Aktuelle Infrastrukturprojekte der ÖBB zeigen, dass ETCS zunehmend in die Modernisierung wichtiger Bahnstrecken integriert wird.
ETCS für die Wiener S-Bahn-Stammstrecke geplant
Eine wichtige Rolle spielt die Einführung von ETCS auch bei der Modernisierung der Wiener S-Bahn-Stammstrecke. Die rund 13 Kilometer lange Strecke zwischen Wien Meidling und Wien Floridsdorf über Wien Hauptbahnhof und Wien Praterstern gehört zu den meistgenutzten Bahnverbindungen Österreichs. Durch die technische Aufrüstung soll künftig eine höhere Kapazität ermöglicht werden. Vorgesehen ist, die minimalen Zugfolgezeiten von derzeit etwa drei Minuten auf 2,5 Minuten zu reduzieren. Dafür sind eine aktuelle ETCS-Version sowie eine hohe Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der eingesetzten Fahrzeuge notwendig.
Rechnungshof fordert Konzepte für Störungen
Der Rechnungshof sieht angesichts der steigenden technischen Anforderungen auch Bedarf bei den betrieblichen Abläufen. Die Prüfer empfehlen, umfassende Störungskonzepte zu entwickeln, die eine schnelle Wiederherstellung des regulären Zugverkehrs ermöglichen. Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus der laufenden Weiterentwicklung von ERTMS. Fahrzeuge, die bereits mit dem System ausgestattet waren, mussten teilweise erneut angepasst werden, um mit der technischen Ausrüstung an den Strecken kompatibel zu bleiben.
Millioneninvestitionen in Infrastruktur und Fahrzeuge
Die ÖBB-Infrastruktur AG investierte zwischen 2020 und 2024 rund 156,52 Millionen Euro in die Ausstattung von Bahnstrecken mit ERTMS. Für Fahrzeuge wie Triebwagengarnituren, Lokomotiven und Instandhaltungsfahrzeuge wurden bis Ende 2024 weitere 287,83 Millionen Euro aufgewendet. Für den Zeitraum 2025 bis 2030 sind zusätzliche Investitionen in Höhe von 646,70 Millionen Euro vorgesehen.
Mehr Sicherheit und höhere Kapazität als Ziel
ERTMS soll vor allem die Sicherheit im Bahnverkehr erhöhen und eine bessere Nutzung bestehender Strecken ermöglichen. Einen direkten großen Einfluss auf die Pünktlichkeit von Zügen hat das System laut Rechnungshof hingegen nur begrenzt. Das zentrale Element ETCS überwacht unter anderem die Position und Geschwindigkeit eines Zuges und kontrolliert, ob eine entsprechende Fahrerlaubnis für den nächsten Streckenabschnitt vorliegt. Die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur erfolgt derzeit über das Funksystem GSM-R. Dieses soll bis 2035 durch das Nachfolgesystem FRMCS ersetzt werden. Auch der automatische Zugbetrieb (ATO) gehört zum erweiterten Bereich von ERTMS, befindet sich laut Rechnungshof jedoch noch in einer frühen Entwicklungsphase.
Europaweite Vereinheitlichung noch nicht erreicht
Zum Zeitpunkt der Prüfung waren neben ERTMS europaweit noch mehr als 20 nationale Zugbeeinflussungssysteme in Betrieb. Auch das Netz der ÖBB-Infrastruktur AG war weiterhin von unterschiedlichen technischen Lösungen geprägt. Der parallele Betrieb von ETCS und nationalen Systemen ermöglicht zwar weiterhin den Einsatz verschiedener Fahrzeuge. Die vollständigen betrieblichen und finanziellen Vorteile eines einheitlichen ETCS-Systems können dadurch laut Rechnungshof aber noch nicht genutzt werden.
Herausforderungen im grenzüberschreitenden Verkehr
Auch beim internationalen Bahnverkehr bestehen weiterhin technische Hürden. Unterschiedliche Versionen von ERTMS können dazu führen, dass Fahrzeuge und Strecken nicht vollständig kompatibel sind. Erforderliche Tests zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur sowie der Erwerb digitaler Schlüssel für ETCS-Systeme erschweren derzeit noch die Umsetzung eines durchgehend einheitlichen europäischen Bahnverkehrs. Die angestrebte Interoperabilität des Schienennetzes ist damit noch nicht vollständig erreicht.
(APA/red)