Europäische Airlines stehen vor schwierigem Winter
Während große Airlines mögliche Übernahmen prüfen, kämpfen kleinere Fluggesellschaften mit steigenden Kosten und sinkenden Einnahmen in den Wintermonaten.
Die europäische Luftfahrtbranche steht vor einem schwierigen Winter. Der Insolvenzantrag der lettischen airBaltic ist ein erstes prominentes Beispiel für die Folgen der stark gestiegenen Kerosinkosten. Analysten rechnen damit, dass vor allem kleinere Fluggesellschaften in den kommenden Monaten unter Druck geraten könnten. Fluggesellschaften arbeiten traditionell mit vergleichsweise geringen Gewinnmargen und reagieren daher empfindlich auf steigende Kosten. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat die Lage zusätzlich verschärft. Die Blockade der wichtigen Meerenge von Hormus ließ die Treibstoffkosten deutlich steigen. Gerade im Winter könnte sich die Situation zuspitzen. Während Airlines in den umsatzstarken Sommermonaten Reserven aufbauen, sinken die Einnahmen in der kalten Jahreszeit. Bleiben die Kerosinpreise hoch, könnten vor allem kleinere Anbieter zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten geraten. „Vor allem kleinere Nischenanbieter sind gefährdet“, sagte der Luftfahrtanalyst John Strickland. Bereits im Mai hatte die US-Fluggesellschaft Spirit Insolvenz angemeldet.
Auch Billigflieger unter Druck
Auch große Billigfluggesellschaften bekommen die Entwicklung zu spüren. Wizz Air verzeichnete im ersten Quartal einen höheren operativen Verlust und senkte die Ticketpreise, um die Nachfrage anzukurbeln. Im August erreichte die ungarische Airline daraufhin einen Passagierrekord. Analyst James Halstead von Aviation Strategy sieht Wizz Air dennoch vergleichsweise gut aufgestellt. Die Airline wachse stark und nehme dafür geringere aktuelle Erträge in Kauf, um langfristig stabiler zu werden. Andere Gesellschaften stehen vor größeren Problemen. AirAsia sucht nach anhaltenden Verlusten frisches Kapital, während Air Transat mit den hohen Treibstoffkosten kämpft.
Konsolidierung könnte sich beschleunigen
Die angespannte Lage könnte zudem die Konsolidierung der europäischen Luftfahrt beschleunigen. Große Konzerne wie die IAG, Lufthansa oder Air France-KLM könnten geschwächte Wettbewerber übernehmen. Gleichzeitig versuchen Ryanair und Wizz Air, ihre Marktposition auszubauen. Wizz-Air-Chef Jozsef Varadi zeigte im August bereits Interesse an den Strecken der rumänischen Staatsfluggesellschaft TAROM. Auch Norse Atlantic gilt als möglicher Übernahmekandidat und prüft nach eigenen Angaben einen Verkauf oder eine Fusion. Die polnische LOT wird ebenfalls seit Jahren als mögliches Ziel für eine Übernahme gehandelt. Für airBaltic bedeutet das Insolvenzverfahren unter US-Recht allerdings nicht automatisch das Ende der Airline. Im Rahmen von Chapter 11 kann das Unternehmen unter Gläubigerschutz saniert werden. Analyst Strickland verwies dabei auf SAS, die auf diesem Weg ihre finanzielle Situation stabilisieren konnte. Die Lufthansa, die zehn Prozent an airBaltic hält, hat bereits erklärt, ihren Anteil nicht aufstocken zu wollen. Wie sich der deutsche Konzern im weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens positionieren wird, ist derzeit offen.
(APA/red)
