Der Kultureuro bleibt Wien erspart

Nach heftiger Kritik aus der Kultur- und Veranstaltungsbranche ist der geplante Kultureuro nun vom Tisch, die Suche nach einer Alternative geht weiter.

17.09.2026 14:58
red04
© Adobe Stock
Bürgermeister Michael Ludwig erklärte am gestrigen Mittwoch: „Der Kultureuro kommt nicht.“

Das ging schnell. Erst wurde über einen sogenannten Kultureuro diskutiert, der Kulturkarten in Wien verteuern sollte, dann formierte sich breiter Widerstand – und nun ist die Abgabe bereits wieder vom Tisch. Bürgermeister Michael Ludwig erklärte am gestrigen Mittwoch: „Der Kultureuro kommt nicht.“ Die Suche nach einer anderen Lösung für die Finanzierung der Wiener Kulturlandschaft geht damit allerdings weiter. Noch kurz zuvor hatte das Büro von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler erklärt, die konkrete Ausgestaltung des Kultureuros werde derzeit erarbeitet. Im Raum stand ein Aufschlag von 12,5 Prozent auf Eintrittskarten. Gestern zog Ludwig schließlich die Reißleine. Die Entscheidung sei nach „Abwägung aller Argumente“ gefallen, erklärte der Bürgermeister in einem Video. Kultur müsse für alle Menschen zugänglich bleiben.

Roščić nahm kein Blatt vor den Mund

Einer, der bereits zu Beginn der Debatte sehr deutlich wurde, war Staatsoperndirektor Bogdan Roščić. Als die Pläne Anfang September bekannt wurden, sagte er, er habe zunächst an einen Aprilscherz geglaubt. Eine solche Maßnahme wäre „existenzbedrohend“, auch für die Staatsoper, warnte er. Gleichzeitig verwies Roščić auf eine zentrale Frage: Wie würde das Publikum auf eine massive Verteuerung der Eintrittskarten reagieren? Dabei sprach Roščić nicht nur für sein eigenes Haus. Er rechnete damit, dass sich angesichts der drohenden Belastung die Kulturinstitutionen der Stadt gemeinsam zu Wort melden würden. Genau das sollte in den folgenden Tagen tatsächlich passieren. Roščićs frühe und klare Wortmeldung bekam damit im Nachhinein einiges an Gewicht. Denn der Widerstand blieb nicht auf einzelne Häuser beschränkt. Konzerthaus-Chef Matthias Naske sprach ebenfalls von einer „existenzbedrohenden Dimension“. Musikvereins-Intendant Stephan Pauly warnte auf der Bühne des Goldenen Saals vor der geplanten Sonderabgabe. Auch aus der Veranstaltungswirtschaft wurde der Ton zunehmend schärfer.

Breiter Widerstand gegen die Ticketabgabe

Naske erklärte, eine Belastung von bis zu 12,5 Prozent sei für das Konzerthaus nicht verkraftbar. Die Sorge dahinter war ähnlich wie jene von Roščić: Wenn Kultur teurer wird, könnte das Publikum ausbleiben. Aus der Veranstaltungsbranche kam zudem die Warnung, dass internationale Produktionen Wien wegen der zusätzlichen Kosten meiden könnten. Die Interessengemeinschaft Österreichische Veranstaltungswirtschaft (IGÖV) verwies auf die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur und Veranstaltungen für die Stadt. Nach ihren Angaben sorgen diese jährlich für mehr als vier Milliarden Euro Wertschöpfung in Wien. Rund 30 Millionen Besucher würden von der Abgabe betroffen sein. Nach der nun erfolgten Absage reagierte die IGÖV entsprechend deutlich, blieb dabei aber auch bei ihrer Forderung nach Planungssicherheit: „Wir nehmen das Wort der Politik sehr ernst“, heißt es. Künstler und Veranstalter wollten Kultur „leistbar und zugänglich für alle Menschen“ anbieten. Nun dürfe es „kein Zurück oder neue Strafsteuern durch die Hintertüre aus dem Wiener Rathaus geben“.

Auch Niavarani und Autorenvertretung gegen das Modell

Auch abseits der großen Kulturinstitutionen wuchs der Widerstand. Simpl-Chef Michael Niavarani bezeichnete die geplante Verteuerung im ORF als „den größten Blödsinn, den man machen kann“. Gerade weil die SPÖ für eine niederschwellige Kultur stehe, sei es für ihn absurd, Kultur gleichzeitig zu verteuern. Privattheater hätten letztlich kaum eine andere Möglichkeit, als die zusätzlichen Kosten zumindest teilweise an ihr Publikum weiterzugeben. Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren sprach von einem „Selbstbeschädigungsinstrument“ des Wiener Kulturlebens. Er kritisierte vor allem, dass eine ursprünglich diskutierte zweckgewidmete Tourismusabgabe nun durch eine Abgabe auf Kulturkonsumenten ersetzt werden sollte. Auch aus der Politik kam Gegenwind. Die Wiener Grünen sprachen sich gegen eine Finanzierung zulasten der Kulturbetriebe und des Publikums aus und brachten stattdessen eine Zweckwidmung eines Teils der Tourismusabgabe für die Kultur ins Spiel. Die Wiener ÖVP wiederum hatte Ludwig in einem offenen Brief aufgefordert, die Pläne fallen zu lassen.

Finanzierung bleibt trotzdem offen

Mit der Absage des Kultureuros ist die grundsätzliche Frage damit nicht beantwortet. Ludwig betonte selbst, dass die Wiener Kulturlandschaft langfristig finanziell abgesichert werden müsse. Welche Alternative nun auf den Tisch kommt, ist offen.

(red)

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Weitere Themen